Dienstag, 8. März 2016

Lost and found ...

Tja, da bin ich nun in Den Haag und weiss noch immer nicht so recht, wie ich mich fühlen soll. Es gibt solche und solche Tage, wobei ich zugeben muss, dass 'solche Tage' derzeit überwiegen. Gestern Abend liess ich doch tatsächlich die laute Bemerkung fallen: Und jetzt ist es nur noch 1 Jahr und 9 Monate. Der geneigte Leser mag jetzt denken, es sei total schrecklich hier, doch das ist es überhaupt nicht. Es ist halt nur anders - noch immer fremd.
Dabei habe ich mich doch recht gut eingefunden, einige wenige Kontakte geknüpft, von denen ich überzeugt bin, dass sich kleine, aber feine Freundschaften entwickeln werden ... Und dennoch ... Es kriecht mir eine Aversion gegen Holland unter die Haut, die ich nicht erklären kann ...
Nun ja, das kommt mir bekannt vor ... In Brasilien erschlich mich anfänglich ein ähnliches Gefühl ...

Irgendwie ist immer was. Ich war der Meinung, unsere Haustür sei mit einem Schloss nicht gut genug gesichert (obwohl insgesamt 3 Schlösser angebracht sind, davon aber nur eines funktioniert) und so durfte ich letzte Woche Bekanntschaft mit unserer Vermieterin und dem Smithlock machen. Eine sehr nette Frau, mein Alter, Engländerin ... Begrüsst hat sie mich mit einem Strauss bunter Tulpen, ich sie mit dem Duft frisch gebackenen Brotes und am Ende wird jetzt ein neues Sicherheitsschloss angebracht, was mich hoffentlich ruhiger schlafen lässt.



Josef's Eingewöhnung bei 2Koalas (in der Panda Gruppe) hat letzte Woche begonnen.  Puh, das geht mir ganz schön an die Substanz, zu sehen, wie schwer er sich wieder tut. Er weint bitterlich und braucht wohl noch Zeit, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Er sagt noch immer, dass wir zu Maike fahren ... Maike wird's freuen zu hören, dass er sie nicht vergessen hat und noch immer tagtäglich an sie denkt. Was mich jedoch letzte Woche dem Zusammenbruch nah gebracht hat, war die Tatsache, dass Josef wohl ziemlich wütend war, dass ich ihn in der Kita allein gelassen habe. Ich sagte ihm, dass ich wieder komme, doch es ist ein 2-Jähriger, dem ich das sage. Und so habe ich seine gesamte Wut zu spüren bekommen. Er haute nach mir, schleuderte seine Schuhe durch die Gegend und liess sich die Jacke nicht anziehen. Am Ende stand er ohne Jacke und ich mit blanken Nerven im Regen. Wer die dickeren Tränen weinte, ist noch nicht ganz klar.
Genau in diesem Moment waren die Zweifel extrem gross. Haben wir das Richtige getan? In LU war alles so einfach. Und jetzt??? Wird er sich daran gewöhnen? Ach, Fragen über Fragen.
Vermutlich ist es bei Josef eine Mischung aus allem ... The terrible two, das Neue, das Unbekannte und nun die Aufgabe, wieder neu dazulernen zu müssen ...
Es tut mir so leid für ihn und ich wünschte, ich könnte es ihm ersparen ....

Ausserdem täte ich gut daran, mich von unserem gewohnten - zugegebenermassen recht hohen - Standard zu verabschieden. Hier weht in der Kita ein anderer Wind. Auf eine Erzieherin kommen max. 8 Kinder (wenn sie über 2 Jahre sind). Sind sie jünger als 2, kommen 7 Kinder auf eine Erzieherin. Das Wickeln der Kinder findet - sofern es sich um ein kleines Geschäft handelt - ausschliesslich im Stehen statt ... Hausschuhe tragen die Kinder auch keine und so stiefelt jeder mit seinen Strassenschuhen über Tische und Bänke und Teppiche. Doch was will man machen? Hier scheint das normal zu sein.
Mit einem Vater (Österreicher) konnte ich mich kurz austauschen und auch er ist nicht ganz zufrieden mit dem Umgang, doch wir schliessen wohl alle grosszügig die Augen und nehmen es so an, wie es nun mal ist. Beruhigend finde ich nur, dass wir wohl eine Kita ausgewählt haben, die im Allgemeinen einen sehr guten Ruf hat und somit können wir uns zumindest über die Betreuung nicht beklagen ... Der Rest - naja ... Es ist, wie es ist.
Und so sitzen sie in Reih und Glied, wenn morgens zum Snack gerufen wird.



Am vergangenen Samstag haben wir einen Ausflug nach Utrecht zum Stoffmarkt gemacht. Jeder erzählte mir, die holländischen Stoffmärkte seien so toll. Dieser war es in der Tat, doch man sollte schon genaue Vorstellungen von dem haben, was man so haben möchte. Wir schlenderten so durch die Marktstände und da Roman immer einen Blick auf Josef haben musste, steckte er mir nen Hunni zu und ich sollte mich um meine Einkäufe selbst kümmern .... Gesagt, getan. Die Ausbeute war am Ende überschaubar, wir machten uns auf die Suche nach einem Restaurant und liessen den Vormittag gemütlich ausklingen.





An das holländische Essen muss ich mich in der Tat noch gewöhnen ... Vor allem ist das Bestellen bis jetzt noch recht abenteuerlich, da ich nicht alles verstehen kann, was so auf der Karte steht, bzw. was genau sich dahinter verbirgt und so weiss ich am Ende nie, was ich wirklich bekommen werde.
Am liebsten bestelle ich was auf die Faust - und zwar am Kibbelig-Stand. Da weiss ich, was ich bekomme, es schmeckt und ich bin satt :-)
Am Ende habe ich mir dann doch etwas von der Karte bestellen müssen "warmes Vlees" ... Ich habe das bei einer Frau bereits auf dem Teller gesehen, es sah sehr lekker aus, und so fragte ich sie, was das denn sei ... Als das Essen dann kam, wollte ich es am liebsten wieder zurückgehen lassen. Das Fleisch war zwar warm, doch da war irgendwie Ketchup drauf und es schmeckte ganz und gar nicht ...

Wir machten uns wieder auf den Weg zum Park & Ride mit dem Bus. Josef und Roman sassen auf einer Bank, während ich mich auf einen Einzelsitz setzte und den Kinderwagen sicherte. In meiner Jackentasche krame ich nach dem Restgeld - es mussten noch so um die 70 Euro gewesen sein und kann sie nicht finden. Panik steigt auf. Ich entleere meine Manteltaschen, doch von dem Geld ist weit und breit nichts zu sehen. Ich hatte es auf keinen Fall in das Portemonnaie gesteckt und somit war klar, das Geld kann mir nur aus der Tasche gefallen sein, als ich etwas anderes aus der Tasche holte. Im gleichen Moment schiessen mir die Tränen in die Augen und ich ärgere mich über mich selbst, dass ich so viel Geld verlieren kann. Roman schaut mich mitleidig an, denkt sich wohl seinen Teil - schliesslich war es sein Geld, was ich da in Utrecht auf den Gassen verteile.
Doch was soll's? Ändern konnte ich es nicht mehr und somit blieb mir nur der Ärger und der Groll auf und über mich selbst.
Auf einmal spricht mich eine ältere Dame an, die mir schräg gegenüber sitzt und wohl etwas davon mitbekommen hat, dass wir uns darüber unterhielten, dass ich Geld verloren hätte. Sie zeigt auf den Boden im Bus, am Fusse des Kinderwagens und sagte nur: "Hier liegt Geld!" Ich stehe auf, werfe einen Blick darauf und sehe den zusammengefalteten 50 Euro-Schein ... Ich hätte schreien können vor Glück und Freude ... Und dann liefen die Tränchen ... Der Tag war jedenfalls gerettet.

Gestern dann in der Stadt, habe ich schon wieder was verloren - und es erst gar nicht gemerkt. Diesmal waren es meine Röckel Lederhandschuhe, die ich in Josef's Sonnendach vom Buggy gewickelt hatte. Da das Kind jedoch von der Sonne (ja, sie scheint auch hier hin und wieder) geblendet wurde, habe ich das Dach aufgeklappt und dabei müssen die Handschuhe auf den Boden gefallen sein, ohne dass ich es merkte. Wir shoppten in dem Laden und erst auf dem Weg nach Draussen fahre ich mit dem Buggy über meinen eigenen Handschuhe. Da lagen sie bestimmt 20 min ohne dass sie jemand aufhob oder gar mitgenommen hat ...

Fazit: Ich sollte jedenfalls viel besser auf meine Sachen aufpassen ...

Und so vergehen die Tage ... Schnell eigentlich - obwohl ich derzeit keiner geregelten Arbeit nachgehe ... Wenn Jogi erst mal richtig eingewöhnt ist, werde ich hoffentlich auch wieder etwas mehr Zeit für mich haben und dann das ein oder andere wieder angehen können ... Bis es jedoch soweit ist, muss ich mich damit arrangieren, dass einiges an Hausarbeit liegen bleibt oder ich einfach nicht dazu komme, da ich immer ein Auge darauf haben muss, wo der kleine Wirbelwind gerade ist.

Im April ist dann endlich ein Heimatbesuch angedacht. Wir sind zur Kommunion eingeladen und werden das Wochenende dann mit und bei Freunden verbringen. Darauf freue ich mich jetzt schon riesig ... Alles andere wird sich dann geben ...

In diesem Sinne und bis bald,
Eure Jana